politische schriften

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Von Dr Nabil Antaki
Brief von Aleppo Nr. 17 (1 Mai 2014)

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12. Mai 2014 | - : Syrien Die Rolle von NGOs Terrorismus

Als mich ein Journalist neulich fragte, wie ich die Situation in Syrien beurteilen würde, antwortete ich: Verfahren (Verfault; verdorben). Nun ist schon 3 Jahre Krieg und keiner der beiden Lager ist im Stand ihn militärisch zu gewinnen, und am Horizont zeigt sich auch keine politische Lösung. Die regionalen Mächte und auch die Weltmächte (ähnlich auch die Medien) scheinen uninteressiert an diesem Konflikt, obwohl sie ihn doch geschürt hatten, finanziert, mit Waffen versorgt, und vielleicht auch geplant hatten. Sie sind jetzt mit anderen Themen vollbeschäftigt: Krim, Ukraine, Flug MH370, Wahlen, und überlassen folglich die Lage in Syrien ihrem Schicksal. Und das zum Schaden der Syrer, die sehen, wie ihr Land zerstört wird, seine Wirtschaft vernichtet, sein Kulturerbe geplündert, seine Elite vertrieben, seine Reichtümer gestohlen werden; nicht zu vergessen die 150.000 Toten, die 4 Millionen Flüchtlinge, die 8 Millionen Vertriebene im Land selbst, Verwüstung und Barbarei, die sich kaum jemand vorstellen kann und ein Hass zwischen den Konfessionen, den man bisher nicht kannte, wo Christen und Muslime seit Jahrhunderten harmonisch zusammen lebten. Selbst die glühendsten Verfechter des Regimes und die trotzigsten Partisanen, die sich für Reformen einsetzen, wollten keinen Krieg und vor allem keinen wie jetzt diesen.

Die Lage in Aleppo verschlimmert sich dauernd durch eine Blockade, die ab und zu unterbrochen wird, die aber komplett den Personen- und Warenverkehr betrifft. Es ist nicht möglich die Stadt zu verlassen oder in sie herein zu kommen und es herrscht Mangel an Grundversorgungsgütern: Gemüse, Obst, Fleisch, Geflügel, Treibstoff etc…Dann, plötzlich nach 10 oder 15Tagen löst sich die Blockade um nach einiger Zeit wieder einzusetzen. Kürzlich wurde die Strom- und Wasserversorgung während 11 aufeinanderfolgenden Tagen abgestellt; die Händler für Generatoren und Treibstoff rieben sich die Hände. Glücklicherweise hat vor einem Jahr eine christlich-protestantische Vereinigung 20 Brunnen in Kirchen verschiedener Stadtteileile Aleppos gegraben ( muslimische Vereinigungen folgten diesem Beispiel und taten dasselbe in ihren Moscheen). Die Aleppiner standen folglich Schlange vor den Kirchen und Moscheen um ihre Wasserkanister zu füllen (zurück ins Mittelalter!)

Ein Regen von Mörsergranaten fällt jeden Tag auf Aleppo und tötet oder verletzt Dutzende Personen. Heckenschützen machen weiterhin Jagd auf Fußgänger. Nicht zu reden von den monströsen Explosionen in öffentlichen Gebäuden, wo die Sprengladungen unterirdisch angebracht werden.
Diese verfahrene Situation hat bei den Aleppinern 3 Gefühle erzeugt: Angst, Verzweiflung und Leid.

Ich denke an die Telefonanrufe der Vertriebenenfamilien, deren wir uns annehmen, in welchen sie uns ihre Angst und Panik mitteilen und uns um Rat fragen, wenn um sie herum die Granaten einschlagen. Und die Mütter, die an manchen Tagen sich weigern ihre Kinder zu uns zu schicken aus Furcht unser Bus könnte das Ziel eines Heckenschützen oder eines Mörsers sein.

Ich denke an alle die jungen Erwachsenen, die eine berufliche oder familiäre Zukunft erträumt oder geplant hatten und diese nicht verwirklichen können. Sie haben 3 Jahrelang der Versuchung das Land zu verlassen widerstanden, sie sind verzweifelt und wollen emigrieren wenn sich die Möglichkeit dazu bietet.

Ich denke an die 7 Familien mit 23 Kindern, die zusammen in 2 Kellerräumen wohnen (Augenzeugen sind unsere Hausbesucher).

Ich denke an 23 Opfer, die am Sonntag, 27 April durch eine Granate getötet wurden ,als sie vor einer Bäckerei Schlange standen um Brot zu kaufen mitten im Stadtzentrum und 19 andere, die in den folgenden 48 Stunden an den Verwundungen starben.

Ich denke an alle Menschen, die Hunger leiden, an das Baby von 5 Monaten, das mit dem Saugfläschchen in Ermangelung von Milch verdünnte Stärkelösung erhält. (Augenzeugen sind unsere Hausbesucher)

Ich denke an den jungen M. C. von 18 Jahren, der darunter leidet seine Spenderniere zu verlieren, weil es an Medikamenten gegen eine Abwehrreaktion fehlt.(er hatte die Funktion beider Nieren durch den Schuss eines Heckenschützen verloren).

Ich denke an N. M. diese junge Armenierien deren Leber, Lunge und Magen durch Granatsplitter durchbohrt sind.

Ich denke an A. G., den jungen Muslim mit 19 Jahren, dem beide Beine amputiert wurden, weil er auf der Straße war als dort eine Mörsergranate einschlug. Er ist jetzt auf einer Intensivstation in kritischem Zustand wegen einer Blutvergiftung.

Ich denke an die alte Mutter K. H., die uns wegen neurotischer Probleme aufsuchte, und die mir gestand, dass ihr jüngster Sohn durch einen Heckenschützen getötet wurde und am folgenden Tag ihre Schwiegertochter mit ihren 4 Kindern durch eine Granate ums Leben kam..

Angesichts dieser Ängste, Verzweiflungen und des Leids, können wir uns nicht allein mit unserem Mitleid zufrieden geben. Angesichts dieser Herausforderung halten wir stand in dem wir uns mit den leidenden Frauen und Männern solidarisch zeigen.

Allen durch die Verletzungen des Krieges betroffenen Zivilpersonen bieten wir, die blauen Maristen unser Programm „Blessés de Guerre“ an. In Partnerschaft mit den Schwestern von St- Joseph des Krankenhauses St. Louis und den freiwilligen Ärzten und Chirurgen dieses Hauses (das beste von Aleppo) pflegen wir unentgeltlich die durch Kugeln oder Granaten versehrten Zivilpersonen.

Allen verzweifelten jungen Erwachsenen bieten wir, in Erwartung besserer Tage, das M.I.T. (Maristeninstitut für Training). Mit den Vorlesungen, die wir organisieren(„Zeitgeschichte der Malerei“, “Psychologische Orientierung: „Vom Ich zur Selbsterkenntnis“ etc.) haben sie einen Raum zum Nachdenken und zur kulturellen Bereicherung. Die Workshops von 3 Tagen geben ihnen die Möglichkeit sich Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen,, die sie später gut gebrauchen können. (Untersuchung der Rentabilität eines Projekts, einen Lebenslauf schreiben und sich für ein Vorstellungsgespräch vorbereiten, die Befähigung eine Gruppe zu führen etc.)

Für Babys bieten wir Windeln und Milch (wir sind die einzige Vereinigung, die Milch verteilt)

Unsere verschiedenen Projekte „Le panier de la Montagne“, “le Panier de l’Oreille de Dieu“.“le Panier des Maristes Bleus“ bieten für Flüchtlingsfamilien und mittellose Familien monatliche oder wwöchentliche Lebensmittelspenden, Matratzen, Decken , Wasserkanister, Küchengeräte, Kleidung…..

Außerdem kommen jeden Mittag um die hundert Familien um ein warmes Essen zu erhalten.

Kindern im Vorschulalter und Schulalter (von mittellosen und vertriebenen Familien), die nicht zur Schule gehen, bieten wir einen Zufluchtsort des Friedens, wo Erziehung Instruktion und Hygiene durch unser Ehrenamtlichen vermittelt wird in den Projekten „Apprendre à Grandir“ und „Je veux apprendre“.

Den großen Heranwachsenden bietet „Skill School“ die Möglichkeit zur Begegnung mit anderen jungen Leuten und zur Verwirklichung gemeinsamer Projekte.

Jungen Müttern bietet „Tawassol“ Lehrgänge in Englisch, Informatik und manuellen Fertigkeiten. An Ostern haben sie ihre Erzeugnisse ausgestellt und verkauft.

Wir, die Blauen Maristen, versuchen diese Herausforderungen nach besten Kräften zu meistern, aber unser Bedarf ist immens. Wir planen weitere Projekte wie dieses, den bedürftigsten Vertriebenen ein Obdach zu geben, aber dafür braucht man viel Geld, das wir nicht haben. Wenn es uns gelingt materiell und finanziell zum Erfolg zu kommen, so verdanken wir dies euch, all unsern Freunden, die uns weltweit unterstützen.

Dr Nabil Antaki
Aleppo, 1. Mai 2014-05-03
Für die Blauen Maristen

Quelle: Nabil Antaki