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Islamophobie und „Antiterror-Massnahmen“
Youssef Nada: „Uns hat das Übel schon erreicht“

Der Schritt ist energisch, die Haltung leicht gebeugt, der Blick wach. Die Wunde reicht tief. Sein erschütternder Fall ist der eines Ingenieurs, eines talentierten Bankiers, der weiterhin in der Geschäftswelt hätte Wunder wirken können, wenn ihn nicht der Westen, der diesen erbarmungslosen „Krieg“ gegen Muslime ausgelöst hat, daran gehindert hätte und wenn die Schweiz nicht, gegen jede Erwartung, darauf beharren würde, ihn in einem System von Sanktionen einzuschränken, obwohl dies rechtswidrig ist (*).


Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen

Der Beginn seines Abstiegs in die Hölle fing mit den Lügen der Journalisten an. Aber die Antwort auf die Frage, ob diese Journalisten aus Leichtfertigkeit oder mit Absicht gelogen haben, rückt heute in den Hintergrund [1]. Eine viel wichtigere Frage martert ihn. Hat der Grund, der die Schweizer Regierung dazu geführt hat, sich dem Willen und der Willkür der USA zu beugen, das Gesetz des Dschungels zu akzeptieren, mit Islamophobie zu tun? Hätte sich die Sache anders abgespielt, wenn er kein Muslim wäre?

Herr Nada offenbart uns hier seine grosse Desillusion gegenüber Bern. Er ist unschuldig! Es gelingt ihm aber nicht seinen Namen von der „Schwarzen Liste“ der UNO streichen zu lassen, denn die Schweiz, die ihm viele Demütigungen hätte ersparen können, hat sich den Forderungen von Herrn Bush gebeugt, ein Präsident, der genauso engstirnig wie gefährlich ist, der nur Leichen, Tränen und Verwüstungen hinter sich lassen wird.

Silvia Cattori : Obwohl die durchgeführten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft der Schweizerischen Eidgenossenschaft Ihnen nichts vorwerfen konnten, verhängt Bern weiterhin Massnahmen gegen Sie, die gegen die fundamentalen Prinzipien des Rechts verstossen [2]. Als wir die Schweizer Behörden gefragt haben, warum sie nichts unternommen haben, um Ihren Fall vor dem UNO-Sicherheitsrat zu verteidigen, haben sie geantwortet, da Sie „kein Schweizer sind und nicht in der Schweiz wohnhaft sind“ sei es an Italien, dessen Staatsangehöriger Sie sind, um die Streichung Ihres Namens von der „Schwarzen Liste“ der UNO zu ersuchen, aber Italien hätte „nichts getan“.

Youssef Nada : Ich bin kein Schweizer und ich wohne nicht in der Schweiz, aber ich hatte meine Büros in der Schweiz! Und die Schweiz ist das einzige Land, das gegen mich Ermittlungen eingeleitet hat. Sogar Italien hat mir bis heute nie Fragen gestellt. Das einzige europäische Land, welches gerichtlich gegen mich vorgegangen ist, ist die Schweiz. Es ist also die Schweiz, die mir die UNO-Sanktionen auferlegt, die mich unter Hausarrest hält, die ich zwangsweise um eine Erlaubnis für Transit bitten muss, damit ich Campione verlassen kann [eine italienische Gemeinde, die eine Enklave auf Schweizer Gebiet ist], um mich nach Italien begeben zu können.

Wenn die Schweizer Bundesbehörden sagen, dass Italien nichts unternommen hat, ist das nicht richtig. Italien hat die Streichung meines Namens im Juli 2008 vor den Ausschuss des Sicherheitsrats gebracht. Dieser hat den Antrag aber am 16. Juli abgelehnt.

Silvia Cattori : Wir haben das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) befragt. Es scheint als spiele es seine Verantwortungen herunter, indem es sagt, dass die einzige Verbindung auf Schweizerischen Gebiet, die Sie zur Schweiz haben „die Sperrung Ihrer Bankguthaben betrifft“.

Youssef Nada : Es ist nicht akkurat zu sagen, die einzige Verbindung zwischen der Schweiz und mir selbst sei das Einfrieren meiner Bankguthaben. Er gibt eine andere Verbindung, die noch unerträglicher ist: das Reise- und Transitverbot. Unter diesem System bin ich in Campione inhaftiert. Und das ist brutaler als das Einfrieren meiner Guthaben. Wenn ich Reisefreiheit hätte, und ich frei wäre, meine Tätigkeit wieder aufnehmen zu können, könnte ich wieder neu anfangen.

Silvia Cattori : Die Mitarbeiter von Frau Calmy-Rey haben uns versichert, dass sie mit Ihnen und mit Ihrem Anwalt immer in Kontakt gewesen wären, dass sie Ihnen „Hilfe bezüglich des Verfahrens des „De-Listing“ und des Einreise-und Transitverbots der Schweiz“ angeboten hätten. Ist das richtig?

Youssef Nada : Nein. Herr Wernli, mein Anwalt, ist von niemand unterstützt worden. In Realität ist es mein Anwalt gewesen, der dazu gezwungen war, Kontakt mit den Behörden aufzunehmen. Diese wiederholen aber immer das Gleiche: dass ich kein Schweizer sei und dass sie nichts unternehmen können.

Silvia Cattori : Wie steht es mit den Reisegenehmigungen?

Youssef Nada : Die Schweizer Behörden haben mir nur zweimal eine Transiterlaubnis erteilt.

Das erste Mal für 24 Stunden und eine einmalige Einreise. Es war angegeben dass diese Erlaubnis mir aufgrund der Massnahmen gegenüber „Personen und Organisationen mit Verbindungen zu Usama bin Laden, der Gruppierung „Al-Qaïda“ oder den Taliban“ erteilt wurde.

Mich mit Bin Laden in Verbindung zu setzen, bedeutet meinen Fall auf eine Art und Weise darzustellen, den ich für sehr demütigend halte. Ich habe nichts mit Bin Laden zu tun. Die durch die Schweiz durchgeführten Ermittlungen haben zur Einstellung des Verfahrens geführt. Die Behörden haben dies überall beständig wiederholt, als handle es sich um eine Tatsache.

Insbesondere war jene Transit-Erlaubnis, welche es mir gestattete, mich nach Italien zu einem Termin mit dem Staatsanwalt Spataro zu begeben, nur 24 Stunden gültig und nur für eine Ausreise. Dies ist für mich sehr gefährlich. Denn stellen sie sich nur vor, dass ich zufälligerweise einen Unfall hätte oder ein Gesundheitsproblem, und ich nicht innerhalb der legalen Frist von 24 Stunden zurückkehren könnte! Ich wäre nicht mehr imstande, zu mir nach Campione zurückzukehren, ich würde auf der Strasse stehen.

Die zweite Transit-Erlaubnis wurde mir erteilt, um mich am 16. September 2008 nach Sitten begeben zu können, zur ersten Audienz des Richters, der über das Verschwinden von Akten im Büro des Staatsanwalts ermittelt. Auch dieses Mal habe ich die Erlaubnis nicht nutzen können, denn sie war nur für eine Aus- und Einreise gültig und für eine Dauer von 2 Tagen. Das bedeutet - angenommen ich würde Campione via Domodossola verlassen, um Sitten zu erreichen - die Erlaubnis abliefe und ich nicht mehr zu mir nach Hause zurückkehren könnte.

So hat es sich in Wirklichkeit abgespielt. Ich habe von den Schweizer Behörden zwei Erlaubnisse erhalten, aber ich habe sie nicht nutzen können. Ich erkläre dies nur, um zu sagen dass die Behörden, die Ihnen geantwortet haben, Ihre Fragen nicht genau begutachtet haben und nicht überprüfen, ob das, was man ihnen mitteilt, richtig oder falsch ist, ob jene Massnahme effektiv ist oder nicht.

Diese Vorgänge machen mich sehr traurig und tun mir weh! Es ist wirklich traurig und schwer zu glauben!

Silvia Cattori : Als wir versucht haben zu erfahren, ob die Schweiz alle Möglichkeiten über die sie verfügt, um Ihr Reiseverbot aufzuheben, ausgeschöpft hat, hat man uns nur geantwortet „Die Aufhebung des Reiseverbots erfordert eine Entscheidung des Ausschusses des Sicherheitsrats“ und dass es Ihnen oblag, um diesen Erlass aus humanitären Gründen anzusuchen. Was denken Sie darüber?

Youssef Nada : Das Problem ist, dass die Schweiz mich belegt hat und dann sagen die Behörden, dass sie nicht die Befugnis haben, diesen Schaden wiedergutmachen zu können.

Mir zu sagen, dass ich um „ein Recht auf Erlass aus humanitären Gründen“ ansuchen sollte, heisst mit anderen Worten um Wohltätigkeit „aus humanitären Gründen“ zu betteln.

Aber ich will keine Wohltätigkeit! Ich verlange den Respekt meiner Rechte! Und das ist mein Recht. Ich erbettle nicht ihre Wohltätigkeit!

Silvia Cattori : Frau Calmy-Rey hätte sich selbstverständlich weigern sollen diese Massnahmen anzuwenden, die Sie ihrer Freiheit berauben. Herr Dick Marty bezeichnet diese Massnahmen seit langem als „flagrante Ungerechtigkeit“. Spielt sich nicht alles auf eine Art und Weise ab, als wenn sie nur versuchen würde, sich von diesem Fall rein zu waschen?

Youssef Nada : Wie Sie wissen geht es um zwei „Schwarze Listen“, die der Vereinten Nationen und die der Schweiz. Ich kann mich nur an das Land wenden, welches mich in dieser Inhaftierungssituation beibehält. Es ist jenes Land, an welches ich mich wenden muss, um mich von seiner eigenen Liste streichen zu lassen und es handelt sich dabei um die Schweiz. Das ist der Grund, warum ich die Schweiz darum ersuche, meinen Namen von ihrer Liste zu streichen. Diese Liste unterscheidet sich von der Liste der Vereinten Nationen. Natürlich ist sie eine Kopie der UNO-Liste, doch sie untersteht dem Schweizer Gesetz, das ist eine Selbstauferlegung.

Und die Schweiz sagt: „Wir sind gebunden, wir können Sie nicht von unserer Liste streichen bevor nicht der Sicherheitsrat Sie von seiner Liste gestrichen hat“. Gut, sie müssen sich daran halten, aber ich habe keine andere Wahl als mich an die Schweiz zu wenden und nicht an die Vereinten Nationen. Wenn die Schweizer Behörden denken, dass sie sich an die UNO-Liste halten müssen, muss bei den Vereinten Nationen um die Erlaubnis angefragt werden, mich von der Schweizer Liste zu streichen. Aber sie weigern sich, dies zu tun.

Silvia Cattori : Das Urteil vom 3. September 2008 des Gerichtshofs der Europäischen Union, in Bezug auf den Fall Yassin Kadi [3] besagt, dass die Staaten nicht die Sanktionen der UNO anwenden müssen, ungeachtet ihrer eigenen Gesetze. Für Opfer - wie Sie - dieser skandalösen Situation ist dies eine gute Nachricht. Es scheint, dass Bern dieses Resultat zur Seite schiebt, obwohl Bern uns vor einigen Monaten gesagt hatte, das es dieses Urteil abwarten würde. Nun sagt die Schweiz, dass sie kein Mitglied der EU ist und sie nicht „der Gerichtsbarkeit des Gerichtshofs der Europäischen Union unterlegen sei“. Können Sie uns dieses Umschlagen erklären?

Youssef Nada : In der Tat. Ich kann es nicht verstehen. Wenn es der Schweiz passt, sagen sie: „Wir sind nicht alleine, wir müssen die UNO-Strafmassnahmen anwenden: Nehmen Sie doch das Urteil des Gerichts erster Instanz der Europäischen Union wahr“. Und wenn es der Schweiz nicht passt, weil sich der Europäische Gerichtshof später diesem Urteil entgegengesetzt hat: „Wir sind von diesem Gerichtsbeschluss der EU nicht betroffen, denn wir sind kein Mitglied der Europäischen Union“!

Silvia Cattori : Frau Calmy-Rey hat uns zu diesem Thema geantwortet, dass man auch das Ergebnis des Europäischen Gerichtshofs der Menschenrechte (CDH) abwarten müsse, wo Sie Berufung gegen den Entscheid des Bundesgerichts von Lausanne vom 14. November 2007 eingelegt haben. Kann Ihnen diese Berufung etwas Positives bringen?

Youssef Nada : Ich habe gegen den Entscheid des Bundesgerichts von Lausanne ein Verfahren eingeleitet, denn in der Schweiz kann man gegen die Entscheide dieses Gerichts keine Berufung einlegen. Laut dem Schweizer Gesetz sind sie unwiderruflich. Dieses Gericht hatte geurteilt, dass man meinen Namen nicht von der Schweizer „Schwarzen Liste“ streichen könne, bevor ich nicht von der „Schwarzen Liste“ des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen gestrichen wäre. Um sein Urteil zu rechtfertigen, hat das Bundesgericht, auf zwei Seiten, Argumente vorgebracht, die auf dem Urteil des Gerichts erster Instanz der EU im Fall Al Kadi ruhten. Ein Urteil, welches seitdem vom Gerichtshof der EU aufgehoben worden ist.

Von dem Moment an, als es in der Schweiz nicht möglich war, Berufung gegen einen Entscheid des Bundesgerichts einzulegen, hatte ich also keine andere Möglichkeit als vor den Europäischen Gerichtshof der Menschenrechte in Strassburg zu gehen.

Aber die Schweiz ist in keiner Weise verpflichtet, die Gerichtsbeschlüsse von Strassburg anzuwenden. Selbst wenn dieser Gerichtshof zukünftig einen Entscheid trifft, der die Schweiz verurteilt, kann die Schweiz diesen Entscheid sehr gut ignorieren.

Mein Fall wird dadurch folglich nicht geregelt. Es wäre nur ein symbolischer Sieg für mich und meine Familie, um darauf hinzuweisen, dass ich ein Opfer bin und dass während all dieser Verfahren meine Menschenrechte verletzt worden sind. Aber es wird auch ein symbolischer Schandfleck für die „förderlichen“ Leistungen der Schweiz hinsichtlich der Menschenrechte sein.

Silvia Cattori : Die Schweiz, Deutschland, Dänemark, Liechtenstein, die Niederlande und Schweden haben vorgeschlagen, Verbesserungen für die Erstellungs- und Revisionsverfahren der „Schwarzen Listen“ der UNO zu schaffen. Scheint dies Ihren Fall zu betreffen und inwiefern?

Youssef Nada : Diese Initiative, die Besserung in dem Listing / Delisting Prozess der UNO vorschlägt, ist sehr zaghaft. Sie zeigt nicht die Probleme der Personen, die auf der „Schwarzen Liste“ eingetragen sind und dort weiter verbleiben, obwohl sie unschuldig waren und obwohl die gerichtlichen Ermittlungen dies bewiesen haben. Wie Sie wissen, ist diese Initiative, trotz all ihrer Schwachpunkte, die sie enthielt, sofort vom Sicherheitsrat abgewiesen worden.

Es gibt ein ernsthafteres Problem von dem niemand spricht. Was geschieht jenen, die schon ohne jeglichen Grund, auf den „Schwarzen Listen“ stehen? Niemand spricht darüber wie man dieses Problem löst. Dies zeigt nur, dass die Staaten, die dieses Dokument unterbreitet haben, diese „Listen“ nicht direkt angehen wollen. Es zeigt, dass sie sich nur auf einige „Verschönerungsverbesserungen“ beschränken wollen. Sie lassen somit dieses angeblich „vorbeugende“ System de facto zu.

Wie Sie es selbst haben feststellen können, hat die Schweiz mich nicht, was mich persönlich betrifft, beim UNO-Sicherheitsrat unterstützt. Denn sie erachtet, dass Italien dies tun sollte. In Wirklichkeit hat Italien dies getan. Doch dem Antrag auf Streichung meines Namens von der Liste, hat Italien den Bericht des stellvertretenden Bundesstaatsanwalts Herr Nicati beigefügt, der voller Unwahrheiten und falscher Beschuldigungen ist. Ich hatte auf diesen Bericht geantwortet und damit gerechnet, dass er korrigiert würde, doch Herr Nicati hat meine Argumente nicht berücksichtigt. Die Italiener haben diesen Bericht kopiert und ihn den Vereinten Nationen überreicht, als ob es der ihre gewesen wäre. Dies hatte wahrscheinlich Gewicht in dem Entscheid des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, mich auf seiner „Schwarzen Liste“ zu lassen.

Silvia Cattori : Sie sehen also keinen Fortschritt in Ihrem Fall!

Youssef Nada : Ich bin ohne Hoffnung. Sie halten diese Listen für „vorbeugend“! Wie lange kann man noch weiterhin vorgeben, dass es sich um „vorbeugende“ Massnahmen handelt? Wie ist es nur möglich, nachdem man Sie verhört hat, über Sie ermittelt hat, man einen weltweiten Rechtsbeistand verlangt hat und nichts gegen Sie gefunden worden ist, dass die Staaten weiterhin sagen, dass man Sie aus „vorbeugenden “ Gründen auf der Liste hält?

Sie definieren, dass es ein Monster gibt. Sie machen Angst, indem sie von der Gefahr des Monsters reden. Und letztendlich verletzen sie die Rechte einer klaren Anzahl von Menschen, sozusagen als „vorbeugendes“ Mittel um dieses Monster zu bekämpfen!

Aber die Tatsache ist, dass dieses Monster nicht präsent ist, dass man aber die Rechte von unschuldigen Menschen während sieben langen Jahren leugnet und dass niemand weiss, wie lange es noch dauern kann!

Das Problem ist, dass diejenigen, die diese „Listing“ Verfahren ins Leben gerufen haben, nicht zugeben wollen, dass sie sich geirrt haben. Sie wollen nicht sagen, dass George Bush am 7. November 2001 im Fernsehen [4], vor Millionen von Menschen ankündigt hat, dass er Youssef Nada, seine Geschäftspartner und seine Bank ruinieren und er sie aushungern wird!

Sie wollen unsere Namen nicht von den „Schwarzen Listen“ streichen, da es Präsident Bush selbst war, der verlangt hat, uns dort einzutragen. Wie könnten sie sagen, dass George Bush irregeführt worden ist, oder er gelogen hat?

Sie hatten daraus eine riesige Angelegenheit gemacht! Nach der Erklärung von Herrn Bush sind weltweit Ermittlungsbeamte verschickt worden, um zu versuchen Beweiselemente zu sammeln, die beglaubigen sollten, dass die von Herr Bush geäusserten Beschuldigungen begründet waren. Aber da alles nur eine Lüge war, haben sie nie etwas gefunden.

Gegenwärtig können all diese Leute, die an diesem System teilgenommen haben und obwohl sie nur zu gut wissen, dass dies alles falsch ist, nicht sagen, dass Herr Bush ein Lügner ist, dass ihr Regierungschef ein Lügner ist. Sie können auch nicht sagen, dass diejenigen, die Herrn Bush diese Lügen haben sagen lassen, alle Lügner sind, denn einige von ihnen sind noch an der Macht.

Silvia Cattori : Diese illegalen Strafmassnahmen haben uns das Vertrauen in die UNO verlieren lassen. Frau Calmy-Rey findet jedoch weiterhin, dass die Schweiz sie zu respektieren habe. Sie sagt „falls die UNO-Mitgliedstaaten sich weigern würden die Strafmassnahmen anzuwenden, würde das System jede Glaubwürdigkeit verlieren“.

Youssef Nada : Das ist schwer verstehbar. Sogar der stellvertretende Staatsanwalt der Bundesstaatsanwaltschaft, Herr Nicati, hat einen Bericht erstellt in dem viele Tatsachen verformt, unkorrekt sind. Diesen Bericht, der fälschlicherweise behauptete, dass „Herr Nada seit 1981 Al-Qaïda finanzierte“, hat er in zehn Länder verschickt [5]. Das ist unzuverlässlich, unprofessionell. Der Staatsanwalt, der diese Behauptung erbracht hat, wusste, dass sie völlig unbegründet war. Al-Qaida existierte nicht im Jahre 1981. Wie konnte ich eine Gruppierung finanzieren, die nicht existierte?

Das zeigt, dass die Schweiz eine Person auf einen so wichtigen Posten berufen hat, die weder neutral noch kompetent war. Eine Person, die anstatt die Distanz zu wahren, die dieser Beruf verlangt, mit den ideologischen Positionen der USA in Übereinstimmung war, die der Propaganda der Geheimdienste folgte und die dazu bereit war, sich dem Druck dieser Geheimdienste zu beugen. Es waren Lügen. Und die zehn Länder, die diese Lügen erhalten haben, berücksichtigen sie weiterhin. Es ist unvorstellbar! Man sagt sich, dass es sich um eine schlechte Farce handelt. Eine Justizfarce.

Eine Untersuchung gegen die Bundesstaatsanwaltschaft ist jetzt eingeleitet worden, denn viele Akten, die mich betreffen, sind von dort verschwunden, denn das Untersuchungsgeheimnis wurde verletzt.

Dieses System sollte verbessert werden. Es ist eine sehr gefährliche Situation. Nicht für uns, denn uns hat das Übel schon erreicht. Aber für all diejenigen, die in diesem Land leben. Wie können die Menschen Vertrauen ins Gericht haben, wenn sie, wie es mein Fall zum Beispiel zeigt, feststellen, dass im Namen der Gerechtigkeit, Ungerechtigkeiten und unzählige Fehler begangen werden?

Silvia Cattori : Der Schweizer Exekutivgewalt hat es in dieser Angelegenheit an Mut gefehlt! Aber glauben Sie nicht, dass sie schlussendlich ihre schweren Fehler anerkennen müssen und Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen?

Youssef Nada : Ich habe teuer dafür bezahlt. Mein Geschäftspartner, Herr Himmat, den man nicht vergessen darf, erlebt den gleichen Leidensweg. Auch er lebt hier eingesperrt in Campione. Dieses Mal haben wir den Preis dafür bezahlt, aber das nächste Mal könnte irgendein Bürger dafür bezahlen. Es gibt vielleicht auch noch andere Opfer, von denen wir im Moment noch nichts wissen.

Wie ich es Ihnen schon erklärt habe, wenn es keine Ehrlichkeit gibt, wenn die Behörden, anstatt die Fakten zu untersuchen, sich darauf beschränken defensive Antworten zu geben, hat dies nichts mit Justiz zu tun. Dieses Mal handelt es sich um mich. Niemand weiss, wer demnächst mit dieser Situation konfrontiert werden wird.

Ich denke, dass die Behörden, die sich dieser wenig ehrenwerten Machenschaften bewusst sind, darüber ermitteln sollten und überprüfen sollten, was sich abspielt und wo es Fehler gegeben hat. Die Schweiz ist reich an vielen hochwertigen Personen, wie ich es noch nirgendwo anders gesehen habe.

Die Tatsache, dass Leute Fehler gemacht haben, heisst nicht, dass alle Schweizer mitschuldig sind. In einem anderen Land könnte ich vielleicht nicht einmal darüber reden, wie ich es jetzt mit Ihnen mache.

Ja, hier existiert die Freiheit. Hier gibt es Demokratie. Aber es gibt einige Personen, die nicht ehrlich sind. Selbst wenn sie in der Schweiz selten sind, sind diese Personen gefährlich.

Silvia Cattori : Wer hat besonders dazu beigetragen, Ihre Bank, Ihr Leben, Ihre Familie zu zerstören?

Youssef Nada : Opfer können sich nicht äussern. Diejenigen, die Gerechtigkeit lieben sollten, ermitteln und reden. Nicht die Opfer.

Mein grösstes Problem ist meine Freiheit. Ich bin unter Hausarrest. Ich bin ein Gefangener. Ich habe keine Mittel, angehört zu werden. Ich bin in einen Verhaftungszustand. Auch wenn ich für mich persönlich Akten brauche, kann ich sie nicht holen. Auch wenn ich mich mit Informationen versorgen will, ist dies jetzt sehr schwer für mich. Nicht nur, weil ich inhaftiert bin, sondern auch weil ich meine Mitarbeiter oder Freunde, einen nach dem anderen, verliere. Und jene, die noch am Leben sind und die Angst haben, kann ich nicht besuchen.

In meinem Alter sind alle meine Mitarbeiter, Unternehmensleiter und Bankdirektoren, alle meine Kontaktpersonen in fortgeschrittenem Alter: Jeden Tag erfahre ich, dass der eine oder der andere von ihnen durch einen Herzanfall gelähmt ist oder verstorben ist… [Die gebrochene Stimme von Herr Nada unterstreicht hier die Pause].

Es handelt sich nicht um einen Monat, sondern um sieben Jahre! Nur weil Herr Bush im Fernsehen Lügen über Herrn Nada, seine Geschäftspartner und Mitarbeiter von Al Taqwa verbreitet hat, wollen die politischen Entscheidungsträger, die im Amt sind, ihm nicht widersprechen und es rückgängig machen, um den Schaden wieder gutzumachen.

Die Schweiz ist ein kleines Land; nichtsdestoweniger sehr berühmt wegen ihrer Gesetze und ihrer direkten Demokratie; ein Land, welches die Mittel hat, sich einzusetzen.

Für jeden Menschen ist das einzige Sicherheitsventil die Gerechtigkeit. Die Säule der Demokratie ist die Gerechtigkeit. Ohne Gerechtigkeit gibt es keine Demokratie; ohne Gerechtigkeit gibt es keine Menschlichkeit, gibt es nur noch das Gesetz des Dschungels.

Wir sind uns alle einig, dass der Terrorismus dort bekämpft werden muss, wo er existiert. Aber nicht indem man unschuldige Menschen zum Feind erklärt.

Silvia Cattori : Wie viele Gerichtsverfahren haben Sie eingeleitet?

Youssef Nada : Viele. Ich bin den ganzen Tag an meinem Schreibtisch, um die Gesuche meiner Anwälte zu beantworten. Es gibt sieben Fälle, die am Laufen sind und nicht nur in der Schweiz. Das ist viel zu viel! Wie ich es Ihnen schon gesagt habe, bin ich sehr besorgt um die Opfer, die so einer Situation ausgesetzt sind oder ausgesetzt werden. Ich persönlich widerstehe noch. Ich bin bereit es zu ertragen. Aber denken Sie an die zahlreichen Menschen, deren Gesundheit dadurch gefährdet wurde, die Herzanfälle erlitten haben und gelähmt sind.

Ich kämpfe zur Verteidigung der Gerechtigkeit und ich werde bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen.

Silvia Cattori : Ich danke Ihnen für Ihre ergreifende Aussage.

Silvia Cattori

Übersetzung aus dem Französischen: Monica Hostettler & Eva Hirschmugl (02.11.2008)

Französische Fassung (23.10.2008):
http://www.silviacattori.net/article582.html

(*) Siehe:
- „Die unglaubliche Geschichte von Youssef Nada“ von Silvia Cattori, vom 17. Juni 2008
- „Offener Brief an Frau Micheline Calmy-Rey“ von Silvia Cattori, vom 20. Juni 2008
(in Französisch)
- „Antwort von Frau Calmy-Rey auf den Brief einer einfachen Bürgerin“, silviacattori.net, vom 1. Juli 2008 (in Französisch).
- „Die Schweizer Diplomatie unter Verdacht“ von Silvia Cattori, vom 28. September 2008 (Deutsche Fassung vom 8. Oktober 2008).

Siehe unter diesem Link den Film von Andrea Canetta auf Youssef Nada - mit dem Titel "Nel nome dell’uomo" - der am 2. November 2008 durch das Fernsehen der italienischen Schweiz gezeigt wurde:
http://www.rtsi.ch/trasm/storie/welcome.cfm?idg=0&ids=0&idc=35702



[1Herr Nada hat seit 1997 beim Mailänder Gerichtshof ein Gerichtsverfahren gegen Guido Olimpio eingeleitet. Dieser Journalist von Il Corriere della Sera hatte eine Beschuldigung verbreitet, die wahrscheinlich aus den Propagandaapparaten des israelischen Militärs stammte. Zu diesem Thema sehen Sie bitte:

- Siehe Artikel: „Hamas perde metà del tesoro“ von Guido Olimpio, Il Corriere della Sera vom 20. Oktober 1997
- Siehe ebenfalls: die Anmerkung bezüglich Herrn Olimpio, auf der offiziellen Homepage von Youssef Nada.

Herrn Nada mit der palästinensischen Widerstandbewegung Hamas in Verbindung zu setzen, diente seit den 90er Jahren Israel, welches die Propagandakampagnen intensivierte, um den islamischen Widerstand in den Augen des Westens zu kriminalisieren. Die Beschuldigung von Herrn Olimpio hat dem FBI und anderen Geheimdiensten gedient, falsche Listen von „mutmasslichen Terroristen“ aufzustellen, die dann in ernsthaften Momenten hervorgeholt werden, wie wir es im Jahr 2001 sehen konnten. Trotz der Dementis hat Herr Olimpio nie seine Beschuldigungen zurückgenommen. Er verbreitete weiterhin ungenaue Informationen über Herrn Nada (und über andere Muslime). Viele Hofjournalisten übernahmen sie ohne Überprüfung, somit wurden diese falschen Informationen weltweit verbreitet und sie zerstörten den Ruf und das Leben zahlreicher Personen.

Andere Journalisten haben auch unwahre Kampagnen geführt und sind von Herrn Nada angezeigt worden. In französischsprachigen Ländern ist es Richard Labévière gewesen, der sehr zu der Dämonisierung von Herr Youssef Nada beigetragen hat.
Siehe: die Anmerkung diesbezüglich auf der offiziellen Homepage von Youssef Nada.

[2Siehe:
- Parliamentary Assembly, Assemblée parlementaire, AS/Jur (2007) 14*
19 March 2007, Committee on Legal Affairs and Human Rights
, UN Security Council black lists. Introductory memorandum. Rapporteur: Mr Dick Marty, Switzerland.

[4George Bush hat persönlich das von Herrn Nada im Jahre 1988 gegründete Bankunternehmen als hauptsächlichen Geldlieferanten von Usama bin Laden bezeichnet. Das Unternehmen ist gezwungen gewesen, seine Türen am 31. Dezember 2001 zu schliessen.

[5Der Staatsanwalt der Bundesstaatsanwaltschaft, Herr Roschacher und sein Stellvertreter Herr Nicati haben keine neutrale Haltung gezeigt. Sie hätten jedoch auf eine Art und Weise gehandelt, um den Vereinigten Staaten zu gefallen, indem sie die frei erfundenen Beschuldigungen von Herrn Bush bereits seit November 2001, vor allem während einer Pressekonferenz, verbreiteten. Am 2. April 2002 ist eine Delegation des FBI und der Finanzbehörde von der Schweizer Bundespolizei zehn Tage lang in Bern empfangen worden. Sie hatte Zugang zu den Unterlagen erhalten, die in Herr Nadas Büros und in seinem Wohnsitz beschlagnahmt worden waren. Ein strafrechtliches Verfahren wurde wegen Finanzierungsverdacht der Anschläge vom 11. September 2001 gegen Herrn Nada eingeleitet, welches zum Einfrieren seiner Bankkonten führte und zum Konkurs seines Unternehmens, obwohl nichts gestattete, ihn anzuklagen. Die Vereinigten Staaten haben den Schweizer Ermittlungsbeamten nie die Beweise für ihre Beschuldigungen vorgelegt, denn sie existierten nicht.

Herr Nicati hat, von 2001 bis im Jahre 2004, daran festgehalten, dass Herr Nada „einer kriminellen Organisation logistische und finanzielle Unterstützung“ geleistet hatte, obwohl nichts ihm gestattete, dies zu beweisen.