politische schriften

Français    English    Italiano    Español    Deutsch    عربي    русский    Português

Israelische Kriegsverbrechen
Gaza: “Wir leiden miteinander”

Die Zeugenaussage von diesem Palästinenser, der im Norden von Gaza wohnt- und, im Rahmen der israelischen Krieg, anonym bleiben will - gibt uns eine Idee über die Art und Weise, wie die betroffene Bevölkerung vor Ort auf die Ereignisse reagiert.

14. Juli 2006 | - : Gaza Israel Palästina Kriegsverbrechen


Huda Ghalya neben seinem Vater der durch israelische Schüsse am Strand von Gaza, Juni 9, 2006 getötet wurde (Foto : Ramatan News Agency/File)

Silvia Cattori: In welchem psychischen Zustand befindet sich die Bevölkerung nach den Wochen von Bombardierungen und Entbehrungen?

Antwort: Wir haben gelitten. Wir sind in einer dramatischen Situation.
Die israelische Armee ist bis zur Saladinestraße vorgestossen; die Soldaten haben den Gaza-Streifen halbiert: so wie es früher war. Sie haben einen Militärstützpunkt installiert. Dort sind Dutzend Panzer und Planierraupen, die gerade dabei sind, Land und Gewächshäuser zu zerstören. Sie vernichten alles was lebendig ist. Seit zwei Wochen bombardieren und zerstören die F-16 und die Drohnen unsere Häuser. Es gibt Hunderte von Toten und Schwerverletzten.

Silvia Cattori: Handelt es sich um blinde Bombardierungen oder wie Israel sagt, um gezielte Bombardierung von "Terroristen" ?

A: Die Israelis griffen gestern zum Beispiel ein Haus an und ermordeten eine ganze Familie, unter dem Vorwand, dass sich dort Mohamed Daif befände, der Chef von denjenigen, die die Kassam-Raketen abfeuern. Es stimmte jedoch nicht. Eine ganze Familie, Vater, Mutter, fünf Töchter und zwei Söhne haben ihr Leben verloren.

Silvia Cattori: Bedrohen die Soldaten aus dieser Position die Bevölkerung, nachdem sie Gaza getrennt haben ?

A: Ja, ihre Panzer, die mitten im Zentrum vom Gaza-Streifen stationiert sind, zwischen Del Balla und Kahn Younes, schießen gerade Raketen ab, genauso wie im Norden von Gaza.

Silvia Cattori: Fahren die Panzer herum?

A: Nein, sie rühren sich nicht, die israelischen Soldaten sind Feiglinge; sie haben Angst, von den Widerstandskräften angegriffen zu werden.

Silvia Cattori: Zeigen sich die Mitglieder der Hamas-Regierung noch auf der Straße?

A: Man sieht niemanden. Sie sind alle auf der Liste der nächsten gezielten Tötungen. Sie kommen nur heraus, wenn sie eine Verabredung haben, es wird sehr geheim gehalten.

Silvia Cattori: Die zweiwöchigen Bombardierungen ließen sie ohne Wasser, ohne Elektrizität, ohne Nahrung. Hatten Sie Angst um das Leben Ihrer Familie ?

A: Der erste Angriff durch die israelischen Luftwaffe bei Betlaya war in der Nähe von meinem Haus. Dort gab es die meisten Verletzten und Tote. Die Kinder waren in Panik. Wir hatten Angst, dass Israel unser Viertel angreift. Wir hatten unser Haus verlassen, um uns aus der Zone zu entfernen. Jetzt sind wir wieder zurückgekehrt.

Silvia Cattori: Wie ertragen es Menschen, in solch einer schrecklichen Situation zu leben? Verlangt die Bevölkerung, dass man den gefangen genommenen Soldaten [Gilad Shalit] schnellstmöglich freigibt, um Israel nicht den Vorwand zu geben, die Kollektivbestrafung fortzusetzen?

A: Die Mehrheit der Palästinenser unterstützt die Widerstandsposition. Eine Position, die darauf besteht, den Soldat nur zu befreien, wenn Israel seinerseits tausend palästinensische Gefangene befreit, die in Israel inhaftiert sind, darunter Frauen und Kinder.

Gefangene, die unter unmenschlichen Bedingungen leben, im Gegensatz zu dem, was der israelische Propagandafilm erzählte, der vor kurzem bei Ihnen im Fernsehen gezeigt wurde und über den wir gehört haben.

Dieser Film sprach nicht über die Folterungen der Gefangenen, zeigte nicht die Gefangenen, die wie Bestien in Zelten gehalten werden, zerfressen von Insekten und Krankheiten, er ließ auch nicht verlauten, dass die meisten Gefangenen ihre Familien nur einmal alle sechs Monate sehen können. [1]

Silvia Cattori: Ist die vor zwei Wochen erzielte Einigung zwischen Hamas und Fatah effektiv?

A: Sie haben über eine Einigung gesprochen. Aber vor Ort ist es das Gegenteil. Die Fatah-Miliz setzt ihre Ermordungen fort.

Die Palästinenser werden weiterhin von zwei Feinden bedroht: das heißt von Israel und von den Palästinensern, die mit dem Besatzer kollaborieren, um Hamas zu schwächen.

Die israelischen Angriffe haben momentan einen Bürgerkrieg zwischen Palästinensern verhindert. In diesem Moment fühlt sich jeder Palästinenser, ungeachtet der Partei, der er angehört, vor allem als Zielscheibe der israelischen Offensiven.

Silvia Cattori: Könnte ein Familienvater wie Sie, der nichts mit den Widerstandskämpfern zu tun hat, ebenfalls von einer gezielten Tötung, wie es genannt wird, betroffen sein?

A: Natürlich, unser Verbrechen besteht darin, Palästinenser zu sein und Palästina anzugehören. Falls ich mich zufällig im gleichen Taxi befinden würde wie jemand, den die israelische Luftwaffe ermorden will, kann auch ich getötet werden.

Silvia Cattori: Die israelische Armee hat verkündet, dass die "Operation Sommerregen" solange wie notwendig fortdauern wird...

A: Israel wird momentan von Wahnsinnigen regiert. Sie sind bornierte Politiker. Sie haben den Krieg in Gaza ausgelöst und seit zwei Tagen dem Libanon den Krieg erklärt. Was uns möglicherweise ein wenig Unterbrechung bringt, denn der Druck konzentriert sich nicht mehr nur auf uns.

Silvia Cattori: Jede Kriegssituation ist für Kinder beunruhigend, denn sie werden Traumen ausgesetzt. Sind die Kinder noch normal, nachdem was sie alles erlebt haben?

A: Letztens wollte ich meine Kinder ans Meer mitnehmen. Meine dreijährige Tochter fing an zu schreien. Sie sagte: "Nein , nein Vati, ich will nie mehr zum Strand gehen."
Ich fragte sie warum.
"Ich möchte nicht sterben."
Ich sagte: "Okay, wenn du nicht kommen willst, werde ich mit deinen Brüdern und Schwestern gehen."
" Nein; niemand wird zum Strand gehen", schrie sie.
Sie können feststellen, wie ein dreijähriges Kind, nachdem es am Fernsehen das Massaker der Familie am Strand gesehen hat [2], reagiert. Wenn ich über den Strand spreche, fängt sie an zu schreien.

Silvia Cattori: Sind die Opfer dieser letzten Monate Leute wie Sie, Menschen, die weder Waffen haben, noch sich schützen können und die niemandem Schaden zufügen?

A: Fast alle Opfer sind Zivilisten. Die israelische Armee rechtfertigt aber die Bombardierungen von Familien, die dabei sind zu essen oder zu schlafen, indem sie sagt, es gäbe Kämpfer unter ihnen. Es gibt unter ihnen Mitglieder des Widerstandes, aber es gibt keine Kombattanten unter diesen Opfern. Jeder in Palästina, mit Ausnahme der Kollaborateure, ist zutiefst in seinem Herzen Widerstandskämpfer.

Silvia Cattori: In welchem psychischen Zustand befinden sich die Palästinenser in solch einer katastrophalen und andauernden Situation ?

A: Wir leben weiter, trotz des unerträglichen Lebens, das Israel uns aufdrängt.
Wir sind gewohnt, dieses Leben, das kein Leben ist, zu leben. Es gibt keine Nahrung und nur unreines Wasser, keine Elektrizität. Das ist unser Leben. Aber so ein Leben ist besser als eines, in dem man sich unterdrücken lässt.

Silvia Cattori: Wie werden Sie noch einmal alle Infrastrukturen, die die israelischen Bombardierungen zerstört haben, wieder aufbauen können?

A: Die Israelis werden niemals etwas aufrecht lassen, was wir errichtet haben. Jedes Mal, wenn das wir den Transformator im Norden oder im Süden von Gaza reparieren, bombardieren sie ihn wieder.

Wir haben keine Proteste von den arabischen oder europäischen Staaten gehört.

Einige Länder haben die israelischen Offensiven verurteilt, aber diese Verurteilungen sind zu schwach. Damit zieht sich Israel nicht zurückzieht.

Seitdem Europa die Hilfeleistungen unterbrochen hat, bedeutete es, dass Europa mit Israel kollaboriert, um uns kollektiv zu bestrafen, um uns auszuhungern, um uns noch mehr erdulden zu lassen.

Silvia Cattori: Haben Sie den Eindruck, dass die Journalisten, die die Zugangsgenehmigung für Gaza erhalten haben, die Welt über die von ihnen erduldeten Leiden korrekt informieren?

A: Es ist immer das Gleiche, ob sie kommen oder nicht. Ich wäre sehr glücklich gewesen, wenn Sie die Zugangsgenehmigung erhalten hätten, weil ich mir bei Ihnen sicher bin, dass Sie ehrlich berichtet hätten. Wir hören die Nachrichten. Es ist immer eine oberflächliche und israelische Version der Tatsachen, die gezeigt wird. Die Leute von CNN, Fox News, BBC u.s.w. haben keine Idee von dem menschlichen Leiden, unserem Schmerz. Sie lügen uns etwas vor. Während der Nachrichten lügen sie live.

Silvia Cattori: Glauben Sie nicht, dass die Journalisten, die Ihre Realität ignorieren und die die gleichen Tatsachen dauernd wiederholen, von den palästinensischen Chauffeuren und den Reiseführern, die sie betreuen, irregeführt werden und sie von ihnen auf einseitige Weise informiert werden ?

A: Sie sollten es eben so machen wie Sie, auf der Straße Leute aus dem Volk befragen. Man findet nicht die Wahrheit, wenn man wie alle anderen im gleichen 5-Sterne-Hotel in Gaza bleibt.

Silvia Cattori: Gehen sie nie auf die Straßen?

A: Selbst wenn sie unter das Volk gehen würden, würden sie sich den Informationen, die durch die israelischen Presseoffiziere gegeben werden, anpassen oder der Betreuung ihrer Presseagenturen. Letztlich sagen sie, was ihr Büro in Jerusalem oder anderswo ihnen ausgerichtet hat zu sagen und sie sagen nicht, was man ihnen erklärt hat, nicht zu sagen. Sie sind Journalistin und dürften wissen, was sich abspielt.

Silvia Cattori: Ich konnte dieses Mal nicht nach Gaza und kann nicht über das, was sich zu diesem Zeitpunkt bei Ihnen ereignet, berichten. Es macht mich umso trauriger, da ich sehr an diesen Ort gebunden bin.

A: Sie lassen Sie nicht hinein, weil Sie zu ehrlich sind. Israel weiß genau, dass Sie nicht über unsere Realität so berichten werden wie die anderen Journalisten, die hier hinkommen. Wenn Sie mit den Augen der israelischen Propaganda sehen würden, hätten Sie ohne Probleme nach Gaza zurückgehen können...

Silvia Cattori: Mir wurden vom israelischen Geheimdienst Sabak sofort nach meiner Ankunft am Ben Gurion Flughafen Fragen gestellt. Werde ich nicht alle Palästinenser in Gefahr bringen, mit denen ich in Kontakt bin, denn die Geheimdienste, die mich momentan überwachen, haben ihre Spione auf allen palästinensischen Straßen?

A: Sie können niemand in Gefahr bringen. Jeder Palästinenser ist in Gefahr. Jederzeit kann mich die Drohne, die über mich fliegt, treffen. Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Wissen Sie, warum sie sofort nach Ihrer Ankunft versucht haben, Sie einzuschüchtern und warum Sie überwacht werden? Weil diese Leute Angst vor Ihnen haben.

Silvia Cattori: Angst vor mir? Sie scherzen?

A: Diese Soldaten und Spione, die die beeindruckendste Armee der Welt bilden, haben alle trotz ihrer Stärke vor jedermann Angst, der Worte verwendet ...um die Wahrheit zu sagen. Sie haben Angst von jenen, die die Wahrheit sagen. Es sind sehr schwache Leute. Wir können diesen Kampf gewinnen, obschon unsere Mittel, verglichen mit ihren, miserabel sind, aber wir haben den Willen und den Mut, den sie nicht haben.

Silvia Cattori: Was ich sehe, seitdem ich im Westjordanland reise, ist zweifellos weniger entsetzlich als dass, was in Gaza geschieht, aber für mich ist es bereits zu viel, ich kann es nicht ertragen. Als ich eine Menschengruppe sah, die wie eine Herde am Checkpoint von Bethlehem eingezäunt war, kamen mir die Tränen, ich habe geweint. Und auch als ich in die Nähe von Nablus kam und die schweigenden Menschenmengen sah, die darauf warteten, dass die Soldaten die Güte zeigten, sie raus zu lassen. Sie, die Palästinenser, sind so stark trotz all dieser Erniedrigungen, die ihnen auferlegt werden. Weinen Sie manchmal?

A: Selbstverständlich weine ich. Ich weinte häufig in der letzten Zeit beim Anblick von den Familien, die ermordet worden sind. Ein Viertel der Opfer sind Kinder. Überall hier im Gaza-Streifen oder im Westjordanland gibt es Menschen, die vom Unglück betroffen sind, es zerbricht unser Herz. Wir sind dasselbe Volk und wir leiden miteinander. Wir formen eine einzige und einzigartige Einheit.

Silvia Cattori

Deutsche Übersetzung : Monica Hostettler & Anis Hamadeh
http://www.anis-online.de/1/rooms/silvia/2006-03.htm

Französische Fassung:
http://www.silviacattori.net/article1008.html



[1Es handelt sich um einen Film (von reinem israelische Propaganda) der vor kurzem von Fernsehsender Arte gezeigt wurde.