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PALÄSTINA
Gaza, das Land der traurigen Orangen.

“To those who went martyred for the land of the sad oranges.
And for those who have not been martyred yet” *.

Wo befindet ihr euch, Freunde, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, ihr, die ihr noch fähig seid Euch zu empören? Die Verdammten Palästinas wenden sich auf ihrer Suche nach einem Überrest von Menschlichkeit an Euch.

13. April 2003 | - : Gaza Israel


Rafah (Photo: Marcin Suder)

Heute, wo die blutbefleckten Gesichter von Brian, Rachel und von Tom unser Herz zerreißen, finden die Freiwilligen vom Internationalen Solidarity Movement (ISM) ihre Energie durch Eure aktive Unterstützung und in Eurer Fähigkeit der Welt das Elend und den Terror zu beschreiben, welche dem palästinensischen Volk durch Israel auferlegt werden. Aufopfernde und politisch bewusste Menschen, wie Brian, Rachel, und Tom, werden durch Eure großzügige Mitgliedschaft unterstützt, damit sie sich weiterhin nach Palästina begeben können, um dort den Kampf fortzusetzen.

Ich werde es niemals zulassen, dass jemand über diese Menschen sagt, die innerhalb vom ISM so viel von sich selbst gegeben haben, um unschuldige Leben zu beschützen und die von Israel brutal zum Schweigen gebracht wurden – sie seien gestorben, weil sie unnötige Risiken eingegangen seien. Diese Menschen von großer Reinheit sind gestorben oder wurden verstümmelt, weil der jüdische Staat Israel sie hasste und er jede Art von Dialog in Richtung Frieden verweigert.

Seit seiner Gründung ermordet Israel junge Palästinenser, die freundlich sind und mit Liebe erfüllt, wie Rachel und Tom, da der israelische Staat keine Infragestellung toleriert. Die Zeugen dieser Verbrechen und der schweren Misshandlungen, die durch die israelischen Soldaten an der Zivilbevölkerung begangen werden, sind für Israel sehr hinderlich.

Israel hat schwerwiegende Taten zu verheimlichen und will folglich keine Zeugen, die die Missbräuche, die von Israel in den gefängnisartigen Städten und Dörfern begangen werden, näher betrachten. Israel will nicht, dass die Weltöffentlichkeit erfährt, dass die Palästinenser ein sanftes und geduldiges Volk sind und nicht diese Teufel, mit denen Israel die Festungsmauer bemalt. Die israelische Armee brutalisiert, inhaftiert und weist die internationalen Freiwilligen aus, die sich ISM anschließen. Israel klagt sie an, die Staatssicherheit zu gefährden, um die Wahrheit der Zeugenaussagen zu diskreditieren.

Tom, Rachel, Brian sind ein Beispiel von hoher Geradlinigkeit und großer Güte, die uns weiterhin leiten sollten. Die Internationalen vom ISM, die in Jenin gegenwärtig waren, als es von der israelischen Armee belagert wurde und die während langer Monate die Ängste und die Erniedrigungen der Einwohner von Rafah unter den Bombardierungen geteilt haben, verkörpern diese innere Schönheit, sie sind unser Vorbild.

Israel lehnt jede Art von Frieden ab, verletzt alle Genfer Konventionen, das tägliche Leben der Menschen, die Charta der Vereinten Nationen, die von ihren Mitgliedern fordert eine Lösung durch friedliche Mittel zu finden .

Und was macht mein Land? Die Schweiz! Unsere Politiker haben uns das Blaue vom Himmel versprochen, um den mörderischen Wahnsinn von Sharon anzuprangern, als es darum ging die Stimmen des Volkes zu erhalten, damit die Schweiz der UNO beitreten konnte. Was macht Europa, um diesen rassistischen Staat, der Israel in Wirklichkeit ist, zu hindern, die ethnische Säuberung, die Vertreibung, die Massenverhaftungen, die Ermordungen zu begehen?

Wenn sich Tausende von internationalen Freiwilligen - aller Religionen und aller politischen Tendenzen - trotz der Gefahren nach Palästina begeben, um ein Volk zu verteidigen, das von Israel erstickt wird und versuchen denjenigen zu helfen die bis zur Vernichtung unterdrückt werden, ist es wegen der Pflichtverletzung der “ internationalen Gemeinschaft“.

Die Israelis benehmen sich, sobald sie als Soldaten nach Palästina gehen, wie Raubtiere. Khaled, ein aufgeweckter und treuer palästinensischer Widerstandskämpfer, täuscht sich nicht, wenn er uns sagt, dass das Schlimmste noch auf sie zukommen wird. Die Vernichtung des irakischen Volkes durch die Besatzerarmeen verstärkt die Position von Israel. Er kommentiert: “In Bagdad haben wir unser letzte Chance verloren, Mensch zu sein“.

In ihrer Hoffnungslosigkeit und trotz des umfangreichen Desasters finden die Palästinenser noch die Kraft, sich für das irakische Volk einzusetzen, welches von den USA terrorisiert wird. Sie haben viel Mitleid mit ihren irakischen Brüdern, denn sie wissen dass die ausländischen Truppen, die die Irakis vernichten, mit Israel verbündet sind. Und obwohl die Palästinenser einen harten Kampf führen, bescheiden sie sich in ihre Lage und sagen: “Here it is better than in Bagdad “.

Die internationalen Freiwilligen sind spontan aus allen Ecken der Welt gekommenen, um dem Horror, der durch die israelische Armee verbreitet wird, Steine in den Weg zu legen. Mit nackten Händen versuchen sie diejenigen zu beschützen, die belagert sind. Sie haben nichts in den Händen, noch nicht einmal Süßigkeiten für die Kinder, deren Elend ihnen das Herz zerbricht. Sie fühlen sich so ohnmächtig. Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen dem, was die Journalisten sagen, und was sie hier vor Ort erleben.

Man hat den Palästinensern jede Art von Leben und jede Hoffnung gestohlen. Die Anwesenheit der internationalen Freiwilligen, in dieser Hölle, wo Mensch sein keinen Platz mehr hat, gibt ihnen jedoch die Kraft, die Hoffnung, zu glauben, dass vielleicht nicht alles verloren sei. Israel akzeptierte nicht dieses beispielhafte, sich verbreitende Engagement und deshalb hat der Generalstab seinen Truppen befohlen, Rachel Corrie, Tom Hurndall und so viele andere zu töten, damit diejenigen, die nach Palästina gehen wollen, entmutigt werden, denn Israel will keine störenden Zeugen.

Israel toleriert keine Kritik. Wenn innige Menschen, wie Rachel, von Israel ermordet werden - Menschen deren Entschlossenheit ein Hindernis für die Militäroperationen sind, die gegen die Palästinenser unternommen werden, - versucht Israel, während es die Seele eines Volkes auslöscht, auch gleichzeitig die Idee zu eliminieren, dass das palästinische Volk ein legitimes Recht auf Widerstand hat. Israel versteift sich deshalb tag ein, tag aus zu wiederholen, dass die Palästinenser “Terroristen“ und die Internationalen vom ISM mit dem Terrorismus verbunden seien, obwohl das internationale Recht auf ihrer Seite ist und ISM das Recht auf Widerstand der Besetzten verteidigt.

Ich bin mit erschütternden Geschichten aus Palästina zurückgekommen, es ist sehr schwerwiegend. Sie verfolgen mich. Sie nehmen mir den Schlaf. Ich möchte ich mich davon befreien, indem ich schreibe. Ich habe noch nicht den Weg entdeckt, der mir helfen wird die gerechten Wörter zu finden, Wörter die fähig sind, das Unaussprechliche zu beschreiben .

Ich habe Ihnen nicht von dem Angstzustand erzählt, in dem ich mich befand, als ich allein den Grenzübergang von Erez durchquerte, diesen immensen Betonraum, der der einzige Zugang nach Gaza ist. Ich ignorierte nicht, dass dort hinter den hohen Mauern Bataillonen von Soldaten versteckt waren. Als ich auf der anderen Seite in einem Sammeltaxi nach Rafah war, verwandelte sich meine Angst in Panik, als das Taxi brutal anhielt und der Verkehr zum Erliegen gebracht wurde. Wir waren mitten in einer langen Kolonne von gelben Taxen und wir erhofften, dass die Soldaten, die über die Lautsprecher schrieen, nicht auf uns zielen würden. Es lag greifbare Spannung in der Luft. Die unsichtbare Anwesenheit dieser israelischen, brüllenden Soldaten, die in ihrem Wachturm verschanzt waren, war angsterregend. Man konnte sich vorstellen dass sie vor ihrem Rechner saßen und bereit waren auf den Knopf zu drücken, um die Maschinengewehre auf dem Wachturm in Gang zu bringen. Wie lange werden wir hier in der glühenden Hitze verbringen? Eine Stunde? Zehn Stunden? Eins ist sicher: die perversen Menschen dort oben im Wachturm hatten Vergnügen daran diese hilflosen Leute arrogant zu erniedrigen. Ich lernte so diesen Engpass, Gush Katif, kennen, benannt nach der benachbarten jüdischen Siedlung.
Die sichtbaren Maschinengewehre, die bereit waren Feuer zu spucken, waren am bedrückendsten.

Um mich zu beruhigen, schaute ich meine Nachbarn an, denn ich wollte verstehen, was sie in ihrem tiefsten Inneren verspürten. Vor der Bedrohung dieser arroganten Soldaten, die sie jederzeit hätten niederschießen können, bewahrten sie die Fassung. Damals habe ich verstanden, dass sie standhielten indem sie sich unerschütterlich zeigen, um jenen zu verstehen zu geben, die sich in ihren Wachtürmen versteckten, dass nichts auf der Welt sie davon abhalten könnte in ihrem Land zu existieren und frei zu leben. Sie erregten in mir Bewunderung, ich war zurückhaltend und schweigend in einer Ecke, vertieft in ein schmerzhaftes, verlegenes Schweigen, da ich nicht fähig war die Würde dieser Menschen zu verteidigen, die vom Besatzer stetig erniedrigt werden. Die Angst, die mich Sekunden vorher quälte, verwandelte sich in Entschlossenheit.

Es gibt so viel zu beschreiben. Ich bin nicht in der Lage dafür Wörter zu finden, obwohl ich es mir versprochen hatte. Ich wünsche mir so sehr, dass diese schweigsamen Geschichten über niedergedrückte Männer und Frauen, mit außergewöhnlicher Würde, richtig verstanden und später übermittelt werden.

Aus dem besetzten Palästina

* “Für jene, die für das Land der traurigen Orangen zu Märtyrern wurden. Und für jene, die noch nicht zu Märtyrern wurden....”

Silvia Cattori

Übersetzung aus dem Französischen: Monica Hostettler