politische schriften

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Von Evelyn Hecht-Galinski
Hetz-Journalismus gegen den jüdischen Jazzmusiker Gilad Atzmon: Schein-Blüten

Hier ein weiterer Beweis für den Umgang der Jüdischen Allgemeinen (JA) mit nicht genehmen Israel-Kritikern. Ich befasste mich in meinem jüngsten Kommentar ausgiebig mit diesem Thema, der unendlichen Geschichte des diffamierenden Hetz-Journalismus gegen Andersdenkende.

18. April 2013

Allerdings gab es am 11.04.2013 in der jüdischen Allgemeinen auch einen Artikel von einem Jonathan Scheiner, einem in Frankreich geborenen "Literatur- und Kunstwissenschaftler", der sein "Magisterloch", wie zu lesen ist, als glückloser experimenteller Poet in Madrid überbrückte. Inzwischen schreibt er Texte, Artikel, Kolumnen für Zeitungen, Magazine, Wohnungsbaugesellschaften, Theater und gesundheitspolitische Newsletter, ist also ein Mann "für alle Fälle". Mir fiel dieses "Rundum-Talent" erst jetzt durch den Artikel "Selbsthass und Saxofon" in der Jüdischen Allgemeinen auf. (1)

Dieser Artikel besteht vor allen Dingen aus falschen Anschul-digungen und zeugt davon, dass dieser "Schein Schreiber" Jonathan Scheiner wahrschein- lich weder das Buch von Gilad Atzmon gelesen hat, noch sich die Mühe machte, sich außer mit den musikalischen, auch mit den politischen, philosophischen Ausführungen Gilad Atzmons zu befassen. Hierzu möchte ich jedem Leser und Interessierten empfehlen, sein neues Buch: "The Wandering Who" oder auf Deutsch "Der Wandernde Wer", erschienen 2012 im Zambon Verlag, als Lektüre empfehlen.

Allein schon der erste Satz des Scheiner-Artikels in der JA, "in Deutschland hat Gilad Atzmon noch kein Einreiseverbot", um dann auf seine Tournee hinzuweisen, zeigt das Gedankengut dieses Autors. Ist es nicht das zionistische Regime Israel, das Israel-Kritiker mit Einreiseverboten abstraft? Da wird keiner ausgelassen, von Noam Chomsky, bis Norman Finkelstein oder eben auch Gilad Atzmon, um nur einige prominente jüdische Namen zu nennen. Gibt es eine andere Lobby, außer der jüdischen, die Shit Listen gegen andere missliebige, andersdenkende Juden heraus gibt, oder Antisemitismus Hit-Listen, wie das W.C. Los Angeles.

Allerdings kommt Jonathan Scheiner nicht umhin, Gilad Atzmon als Ausnahme-Saxofonisten zu bezeichnen und als einen großen Jazzer seiner Zeit, was wichtige Jazz-Fachleute in der ganzen Welt bestätigen. Nicht umsonst ist die Welttournee seines Orient House Ensembles für seine neue CD Metropolis so erfolgreich, die ihn von Argentinien bis eben jetzt nach Deutschland führen wird.

Nach dem vergifteten Lob für den genialen Jazzmusiker, kommen ein völlig fehlgeleiteter Vergleich mit Richard Wagner und und die Absicht, dessen vermeintliche Juden-Phobie mit einer angeblichen Zionismus-Phobie von Gilad Atzmon gleichzustellen.

Fragen wir uns also lieber, warum Gilad Atzmon im Londoner Exil lebt und Israel kritisiert. Waren es nicht seine eigenen bitteren Erfahrungen während des ersten Libanon-Krieges, die ihm die Augen öffneten, ihn zum vehementen Israel-Kritiker machten und mit seiner Vergangenheit abschließen ließen? Wäre es nicht, andersrum gesehen, eine schlimme Unterlassung gewesen, nach allem, was er erlebte, nicht so zu handeln? Haben wir Kritiker der zionistischen Politik des israelischen Regimes nicht jeder auf seine Weise diese Erfahrungen gemacht und eigene Lehren daraus gezogen? Sätze wie "sein Antizionismus kippt mittlerweile immer öfter in gewöhnlichen Judenhass um", schreibt Scheiner voll im Sinne der JA, als ausführender Journalisten-Soldat der Hasbara, der zionistischen Propaganda. Ganz in der bekannten Vermischung von Begriffen wie Antizionismus, Antisemitismus und jetzt noch als dramatisierende Steigerung "Judenhass". Was für eine Verdrehung der Tatsachen, um erneut Israel-Kritik in die "Schmuddelecke" zu verlegen. Hiermit zeigt sich die JA wieder einmal als wichtigster "Stürmer" der aufrechten "Israel-Versteher".

Ich gehe völlig konform mit Gilad Atzmon und seiner Auffassung: warum sollte sich irgend ein Jude oder eine Jüdin stellvertretend für andere Juden und deren Taten schämen, mit denen man nichts zu tun hat? Ein völlig falscher Ansatz, der nur beweisen soll, dass alle Angriffe gegen Juden einen kollektiven Angriff darstellen. Das ist so falsch, wie die deutsche Kollektivschuld-These. Einen Tipp für Jonathan Scheiner, der, wie bereits erwähnt, selbst in Frankreich geboren wurde, habe ich noch. Warum schreibt er keinen Artikel über den Großrabbiner von Frankreich, Gilles Bernheim, der wegen einer massiven Plagiatsaffäre zurücktreten musste? Bekannt wurde dieser nicht nur durch seinen Einsatz gegen die Homosexuellen-Ehe, außerdem kritisierte er jene, die Israels Politik im Nahost-Konflikt negativ beurteilten und sich von der israelischen Politik distanzierten. (2)

Aber lassen wir jetzt am Ende Gilad Atzmon selbst zu Wort kommen, in seiner Replik, die Elisabeth Lauck vom Freiburger Friedens- forum mir freundlicher- weise übersetzt hat:
"Warum sollte irgendein Jude irgendwo in der Welt sich in irgendeiner Weise über diese Tatsachen Sorgen machen? Warum sollte irgendein Jude oder eine Jüdin sich Sorgen machen wegen Taten, Aktionen oder Ideen, mit denen sie oder er nichts zu tun hat? Warum sollte mein jüdischer Nachbar, der dem finanziellen Durcheinander ausgesetzt ist und keinerlei Verbindung mit Madoff, Wolfowitz, David Aaronovitch oder dem "Geldautomaten Gottes" Levy hat, sich wegen der gegenwärtigen Finanz- oder imperialistischen Fehlleistungen, für die sie oder er keinerlei Verantwortung trägt, verantwortlich fühlen? Warum sollten meine jüdischen Musikfreunde, die keinerlei Verbindungen mit Israel, AIPAC, CFI; CST, Nick Cohen oder Alan Greenspan haben, sich schuldig fühlen für Verbrechen oder Taten, die von anderen begangen wurden, nur weil letztere auch zufällig jüdisch sind? Würde ein Franzose oder ein Ire in den USA sich möglicherweise bedroht oder diskriminiert fühlen wegen Enthüllungen, von denen einige ihrer Mitauswanderer betroffen, weil sie in einen größeren, kolossalen Skandal verwickelt sind?

So ist die Frage, die ich hier stelle, ganz einfach: Warum sollte sich irgendein Jude schuldig fühlen für Verbrechen, die andere Leute begangen haben - Leute, die sie oder er nicht kennt oder mit denen er oder sie nicht in Verbindung steht? Die Antwort ist so einfach: Jüdische Individuen haben keinen Grund, Verantwortung zu übernehmen für Taten, die von anderen Juden begangen wurden. Aber die reine Wahrheit ist, dass viele Juden sich trotzdem große Sorgen machen wegen der gegenwärtigen groben Fehler: Einige fühlen sich schuldig, und möglicherweise viele fühlen sich bedroht. Ich würde sagen, dass solche Reaktionen unsere Beachtung verdienen. Offensichtlich hat Jonathan Scheiner hier bewusst und voller Absicht gelogen. Obwohl sich die Jüdische Allgemeine als das Sprachrohr der jüdischen Gemeinde versteht, müssen wir uns fragen, ob Scheiner um seiner selbst willen lügt oder vielleicht im Namen der deutschen Juden, oder macht er das im Namen der Juden ganz allgemein"?
Soweit die Replique von Gilad Atzmon auf den Jonathan Scheiner-Artikel. (PK)

Evelyn Hecht-Galinski
Neue Rheinische Zeitung, Online-Flyer Nr. 402 vom 17.04.2013

(1) http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15687
(2) FAZ, vom 11.04.13, "Meditationen aus fremder Feder"

Alle Fassungen dieses Artikels:
- Jüdische Allgemeine Exposed