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Widerrechtliche Verschleppung eines palästinensischen Regierungsmitgliedes durch die israelische Armee
Tasneem Shaer: «Mein Vater ist kein Terrorist»

Naser Shaer, 45, Vizepremierminister, Erziehungsminister und Minister für Höhere Bildung in der neuen palästinischen Regierung, die im März 2006 von der Hamas gebildet wurde, wurde am 19. August von israelischen Soldaten entführt. Als früherer Rektor der Juristischen Fakultät an der Nationalen Universität von Al Najah in Nablus gehört er keiner politischen Partei an. Er wird von den Palästinensern als eine sehr achtenswerte und angenehme Persönlichkeit angesehen. Seine Familie steht gegenwärtig unter Schock und ist sehr traurig darüber, dass Familien in Palästina keine Möglichkeit haben, sich gegen die täglichen Übergriffe Israels zu verteidigen.
Die Schweizer Journalistin Silvia Cattori konnte Tasneem (*), die Tochter des Ministers, erreichen. In sehr einfacher und nüchterner Weise gibt sie uns ihre Darstellung über die Entführung ihres Vaters und die schlimmen und die erniedrigenden Bedingungen seiner Festnahme. Vom 29. Juni bis heute kidnappten israelische Soldaten nahezu 60 Mitglieder der Hamas-Regierung.

Silvia Cattori : Waren Sie dabei, als ein Dutzend israelischer Soldaten in Herrn Shaers Haus eindrangen und ihn mitnahmen? Was sagten die israelischen Soldaten als Rechtfertigung für seine Entführung, und protestierte Ihr Vater in irgendeiner Weise dagegen?

Tasneem Shaer : Es war 4 Uhr morgens, als die israelischen Soldaten unser 2stöckiges Haus umstellten und anfingen, an die Tür zu poltern, nachdem sie unsere Nachbarn geweckt hatten.

Ich öffnete, und ein israelischer Offizier befahl, dass alle Bewohner nach draussen kommen sollten. Er verlangte von meiner Mutter sogar, meine 9 Jahre alte Schwester und meinen 7jährigen Bruder zu wecken, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie früh es war. Der Offizier fragte meinen Vater nach seinem Beruf und seiner Tätigkeit, und mein Vater antwortete: «Ich bin der Erziehungsminister und der Minister für Höhere Bildung, und ich bin verantwortlich für die Leistungen der Schulen und Universitäten Palästinas.»

Nachdem der Offizier, begleitet von 6 oder 7 Soldaten, seine Identitätskarte geprüft hatte, um sicherzugehen, dass es die richtige Person sei, befahlen sie meinen Brüdern, Schwestern und mir, zusammen mit 3 anderen Soldaten, die ihre Gewehre auf uns richteten, im Wohnzimmer zu bleiben. Sie nahmen meine Eltern mit, damit sie ihnen die anderen Räume des Hauses zeigen und um Beweismaterial zu finden, das sie in den Verhören gegen meinen Vater verwenden könnten. Aber da mein Vater eine ganz normale akademische Person ist, die am Wissen und an der Bildung interessiert ist, fanden sie nichts gegen ihn.

Danach sagte der Offizier meiner Mutter, dass sie meinen Vater mitnehmen müss­ten, ohne zu sagen, warum oder wenigstens, wohin sie ihn bringen würden. Dann verliessen sie einfach das Haus und nahmen meinen Vater mit. Als wir aus dem Fenster schauten, war der erschreckendste Anblick, dass die israelischen Soldaten meinem Vater die Augen verbunden und seine Hände hinter seinem Rücken gefesselt hatten, als sie das Gebäude verliessen. Dann packten sie ihn in eines ihrer Fahrzeuge und fuhren davon.

Silvia Cattori : Bis zu diesem Tag in der Öffentlichkeit nicht bekannt, erschien das Bild von Naser Shaer plötzlich im Fernsehen und in Zeitungen in der ganzen Welt. Aber wurde nicht gleichzeitig die übermittelte Information verzerrt, weil ja der israelische Militärsprecher die Operation als etwas darstellte, was Teil des «Kampfes gegen die Terrororganisation der Hamas» sei? Hat Ihre Familie eine Beschwerde gegen die israelische Regierung eingereicht, die Herrn Shaer als Mitglied einer «terroristischen Organisation» darstellt?

Tasneem Shaer : Mein Vater, Naser Shaer, ist bekannt als eine sehr sanftmütige Person, die der Regierung als ein unabhängiger Mann beigetreten ist. Er wurde im neuen palästinensischen Parlament als Minister gewählt, weil er als eine hochgebildete Person bekannt ist, Träger eines akademischen Ranges, Doktor der Philosophie, und als ein ehemaliger Hochschullehrer. Was ihn überzeugte, eine solche Position einzunehmen, ist sein Wille, das Bildungs- und Erziehungswesen in Palästina zu entwickeln und anderen zu ermöglichen, Wissen zu erlangen, und dies ist der Grund, wieso Sie ihn als Erziehungs- und Bildungsminister und als zuständigen Minister für das Hochschulwesen vorfinden. Meine Familie ist demnach auch nicht die einzige Gruppe, die sagt, dass mein Vater weder ein Terrorist noch ein Mitglied der Hamas ist. Alle Menschen in Palästina sind sich darin einig. Für sie ist es eine Tatsache, die nicht zu hinterfragen ist.

Silvia Cattori : Presseagenturen, wie zum Beispiel die AFP, berichteten: «Israelische Soldaten haben am Samstagmorgen den palästinensischen Vizepräsidenten, Naser Shaer, Mitglied der Hamas, verhaftet.» Und auf dieser Basis haben es sämtliche Medien wiederholt. Haben Sie AFP gebeten, diese falsche Behauptung zu korrigieren?

Tasneem Shaer : Nun, ich würde gerne jede Presseagentur, die über das berichtet, was in Palästina passiert, daran erinnern, dass die wichtigste ethische Regel des Journalismus ist, nicht voreingenommen zu sein und nicht Partei zu ergreifen; statt dessen sollte jeder Journalist korrekt und sorgfältig sein, wenn er Ereignisse auf der Welt behandelt, und sollte sich alle Seiten anhören, die mit dem behandelten Ereignis zu tun haben.

Aber was wir hier, in Palästina sehen, ist, dass die meisten
Presseagenturen nur Worte aus dem Munde der israelischen Regierung übernehmen, ohne sich um die andere, die palästinensische Seite, zu kümmern. Wenn solche Agenturen wirklich Agenturen wären, denen es um die Wahrheit geht, dann sollten sie sich der Ethik des Journalismus verpflichtet fühlen. Ich bin der Meinung, dass ? wenn diese Agenturen sich nach Naser Shaer erkundigt hätten ?, sie entdeckt haben würden, dass das, was Israel über ihn sagt, eine absolute Fälschung ist, und es lediglich dazu dient, seine Entführung zu rechtfertigen.

Mein Vater ist unter all jenen, die ihm begegnet sind, als ein moderater Denker bekannt, der ein sehr grosses Wissen hat. Er ist nicht nur unter Arabern, sondern auch unter Denkern und Universitätsgelehrten der westlichen Länder bekannt.

Also, ich rufe all diejenigen, die weiterhin einfach wiederholen, was Israel sagt, dazu auf, sich nach meinem Vater zu erkundigen, und seine Bücher über den Frieden und vergleichende Religonswissenschaften zu lesen.

Silvia Cattori : Sind dieser israelische Übergriff, dargestellt als eine ganz normale und legale Verhaftung, und die Entführung und willkürliche Haft gemäss Völkerrecht nicht ein Verbrechen? Sind nicht Herr Shaer und all die Minister und Abgeordneten, die von den Israeli entführt worden sind, als zwangsisolierte Menschen zu betrachten?

Tasneem Shaer : «Verhaftet» ist ein Wort, das verwendet wird, wenn man über einen Kriminellen spricht, der gegen das Gesetz verstossen hat oder eine Handlung vollzogen hat, die die Sicherheit und den Frieden anderer stört. Aber eine solche Beschreibung hat nichts mit der Persönlichkeit meines Vaters oder mit dem, was er macht, zu tun.

Ausserdem ist es bekannt, dass mein Vater Minister einer Regierung ist, die aus Wahlen hervorgegangen ist, die von internationalen Beobachtern, einschliess­lich amerikanischer, als absolut gerecht, fair und einwandfrei beschrieben wurden.

Diese Zeugenaussage macht meinen Vater und alle seine Partner in der Regierung und im Parlament zu Menschen, die legitime Minister und Regierungsbeamte sind, die gemäss dem Völkerrecht internationalen Schutz geniessen, wofür Amerika und sein Gefolge angeben zu kämpfen.

Dies macht den Akt des Abholens meines Vaters, der im Kreise seiner Familie schlief, um vier Uhr morgens, zu einem Akt der Entführung und nicht zu einer Verhaftung, wie Israel es der Welt glauben machen will.

Das verleitet mich zu sagen, dass Israel ein Land ist, das jeglichem Völkerrecht den Rücken kehrt und umhergeht und jede Person palästinensischer Nationalität tötet und entführt, und ich denke, dass solche Aktionen nicht bestritten werden können, weil die Kameras alles zeigen und niemals lügen.

Silvia Cattori : War Shaer in den letzten Tagen zuversichtlicher und traf er weniger Sicherheitsvorkehrungen? Ist dies das erste Mal, dass Ihre Familie mit einem solch schwierigen Geschehen konfrontiert ist: Die Inhaftierung eines Mitglieds Ihrer Familie durch die israelischen Streitkräfte? Haben Sie seit der Nacht seiner Entführung irgendwelche Nachrichten von ihm erhalten? Wo ist er, wird er gut behandelt?

Tasneem Shaer : Mein Vater begann gleichzeitig Vorsichtsmass­nahmen zu ergreifen, wie die israelischen Soldaten zum ersten Mal kamen und die anderen Minister von Ramallah entführten, und war zu der Zeit nicht zu Hause. Für weniger als eine Woche schlief er ausserhalb des Hauses und wechselte seinen Aufenthaltsort, wann immer er erfuhr, dass israelische Fahrzeuge in die Stadt kamen. Allerdings ging er weiterhin ins Ministerium und machte seine Arbeit täglich weiter. Aber dies dauerte nicht lange. Wie ich sagte, nach weniger als einer Woche kehrte er zu seinem gewohnten Leben zurück, das heisst, er kam zum Schlafen nach Hause zu seiner Familie und, was seine Arbeit anbelangte, hörte er keineswegs damit auf.

Mein Vater sagte uns immer, dass Israel einzig die Palästinenser daran hindern will, ein freies Leben zu führen, und sich deshalb alles erlauben, sogar jemanden zu kidnappen.

Er glaubte, dass er vollkommen frei sei, und war weit davon erntfernt, etwas gegen seine eigenen Interessen zu tun, falls er von Israel gefangengenommen würde. Deshalb sieht er auch keine Notwendigkeit darin, wegzulaufen oder sich zu verstecken. Warum sollte er auch? Alles, was er tut, ist überall in der Welt anerkannt, und er ist immer bereit, jedermann ins Gesicht zu schauen, der anderer Meinung ist als er.

Mein Vater wurde schon einmal am 7. Oktober 2005 gekidnappt, und Israel rechtfertigte diesen Schritt, indem es sich auf palästinensische Stimmen berief, die sagten, dass mein Vater an den Parlamentswahlen der Hamas wahrscheinlich kandidieren würde. Aber es stellte sich heraus, dass all ihre Behauptungen falsch waren und auf Gerüchten basierten. Folglich mussten sie ihn freisetzen, ohne dass es ihnen gelang, ihn schuldig zu sprechen.

Laut der Zeitungsberichte über ihn wurde mein Vater in ein Gefängnis namens Kfar Yona gebracht. Das ist eine Strafanstalt für israelische Kriminelle. Die Israeli haben ihn in eine Einzelzelle gesperrt, einem ein mal zwei Meter grossen Raum ohne ein Fenster, mit schlechtester Beleuchtung und niemandem, der Arabisch sprechen kann. Das Essen, das er bekommt, ist total schlecht. Er hat keinen Fernseher zum Fernsehen, kein Radio zum Radiohören, und er hat keine Bücher zum Lesen. Er weiss noch nicht einmal die Zeit oder das Datum.

Was die Behandlung anbelangt, wird kein Palästinenser in den israelischen Gefängnissen gut behandelt, und wie erst wird man die Person behandeln, die man unter solch katastrophalen Bedingungen gefangenhält! Am Donnerstag, dem 24. August, wurde mein Vater vor ein Militärgericht gestellt, und man beschloss, seinen Fall bis zum Ende des Monats zu vertagen, weil der israelische Geheimdienst nicht in der Lage war, ihn für irgend etwas schuldig zu befinden. Dies ungeachtet der Tatsache, dass er bereits für sechs Tage im Gefängnis gesessen hatte, ohne dass man eine Untersuchung des Falls angestrengt hätte.

Silvia Cattori : Es ist für ihr Volk mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr, ein Batallion israelischer Soldaten zu sehen, die in Ramallah eindringen, um Menschen zu töten und zu kidnappen. Aber die Entführung eines friedfertigen Ministers einer gewählten Regierung ist schon etwas sehr Umstrittenes. Wie hat denn die Diplomatie darauf reagiert? Welcher Staat verurteilte die Israeli für die Entführung von Herrn Shaer?

Tasneem Shaer : Die Entführung meines Vaters wurde von einer Reihe arabischer, europäischer und islamischer Länder verurteilt. Ägypten, Jordanien, Katar und andere arabische Länder verurteilten diesen Vorfall, während Frankreich es als erstes europäisches Land wagte, klarzustellen, dass sie diesen Vorgang ebenfalls ablehnten und ihn als vollkommen inakzeptabel betrachteten.

Silvia Cattori

(*) Tasneem Shaer ist 20 Jahre alt. Sie studiert Englische Literatur und Sprache an der An-Najah-Universität in Nablus.

Übersetzung aus dem Französischen: Zeit-Fragen
http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2006/nr35-vom-2882006/tasneem-shaer-mein-vater-ist-kein-terrorist/