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Gaza
Ismail Haniyeh: Meine Botschaft an den Westen

Ich schreibe diesen Artikel für westliche Leser aller sozialen Schichten und politischen Anschauungen, während die israelische Kriegsmaschine damit fortfährt mein Volk in Gaza zu massakrieren. Bis jetzt wurden annähernd 1.000 von ihnen getötet, fast die Hälfte von ihnen Frauen und Kinder.

16. Januar 2009

Die Bombardierung der UNRWA (UN Relief Works Agency – Hilfswerk der UN)-Schule im Flüchtlingslager von Jabalya war eines der abscheulichsten Verbrechen, das man sich vorstellen kann, da Hunderte von Zivilisten ihre Häuser verlassen hatten und Zuflucht in der internationalen Einrichtung suchten, nur um dort von Israel gnadenlos mit Granaten beschossen und bombardiert zu werden. 64 Kinder und Frauen wurden bei diesem hinterhältigen Angriff getötet und Hunderte vewundet.

Eindeutig hat Israls Rückzug aus Gaza im Jahr 2005 die Besatzung nicht beendet und als Folge auch nicht seine internationalen Verpflichtungen als Besatzungsmacht. Israel kontrollierte und beherrschte weiterhin unsere Grenzen an Land und zu Wasser sowie unseren Luftraum. Die Vereinten Nationen bestätigten, daß die israelische Armee zwischen 2005 und 2008 annähernd 1.250 Palästinenser, darunter 222 Kinder in Gaza getötet hat. Während des größten Teils dieses Zeitraums blieben die Grenzübergänge de facto geschlossen, und nur begrenzte Mengen an Nahrungsmitteln, Brennstoff für die Industrie, Tierfutter und einige wenige andere wesentliche Güter konnten die Grenze passieren.

Trotz Israels verzweifelter Versuche dies zu verbergen, sind die eigentliche Ursache dieses kriminellen Krieges gegen Gaza die Wahlen vom Januar 2006, bei denen Hamas einen deutlichen Sieg davontrug. In der Folge taten sich Israel, die Vereinigten Staaten und Europa zusammen und versuchten den demokratisch zum Ausdruck gebrachten Willen des palästinensischen Volkes zu brechen. Sie gingen daran die Entscheidung der Wähler umzukehren, indem sie zunächst die Bildung einer nationalen Einheitsregierung blockierten und dann dem palästinensischen Volk das Leben zur Hölle machten, indem sie die Wirtschaft strangulierten. Das elende Scheitern all dieser Machenschaften führte schließlich zu diesem grausamen Krieg. Israels Ziel ist es alle Stimmen zum Verstummen zu bringen, die den Willen des palästinensischen Volkes zum Ausdruck bringen. Danach will es seine eigenen Vorstellungen von einer endgültigen Lösung durchsetzen und uns unseres Landes berauben, unseres Rechts auf Jerusalem als der rechtmäßigen Hauptstadt unseres zukünftigen Staates und des Rechts der palästinensischen Flüchtlinge, in ihre Heimat zurückzukehren.

Schließlich verhinderte die vollständige Abriegelung Gazas, die eindeutig gegen die vierte Genfer Konvention verstieß, daß unsere Krankenhäuser noch nicht einmal mit den notwendigsten medizinischen Gütern versorgt wurden. Sie unterband die Versorgung unserer Bevölkerung mit Treibstoff und Elektrizität. Und als Krönung der Unmenschlichkeit nahm die Belagerung den Menschen Essen und Bewegungsfreiheit, und sei es auch nur um medizinische Behandlung zu suchen. Dies führte zu dem vermeidbaren Tod von Hunderten von Patienten und einem Ansteigen der Unterernährung bei unseren Kindern.

Die Palästinenser sind schockiert, daß die Mitglieder der Europäischen Union diese widerwärtige Belagerung nicht als einen Akt der Agression ansehen. Trotz überwältigender Beweise behaupten sie schamlos, daß Hamas diese Katastrophe über das palästinensische Volk gebracht habe, weil sie den Waffenstillstand nicht erneuert hätte. Wir aber fragen: Hat Israel die Bedingungen des Waffenstillstands eingehalten, der im Juni durch Vermittlung Ägyptens geschlossen wurde? Das tat es nicht. Die Vereinbarung beinhaltete eine Aufhebung der Blockade und ein Ende der Angriffe in Westbank und Gazastreifen. Obwohl wir uns vollständig an das Abkommen gehalten haben, setzten die Israelis das Morden an Palästinensern in Gaza ebenso wie in der Westbank fort - in diesem Jahr, das als das Jahre des Friedens von Annapolis bekannt wurde.

Keine der Greueltaten gegen unsere Schulen, Universitäten, Mosheen, Ministerien und andere Teile unserer zivilen Infrastruktur wird uns davon abhalten, unsere nationalen Rechte zu verfolgen. Ohne jeden Zweifel kann Israel jedes Gebbäude im Gazastreifen zerstören, aber es wird niemals unsere Entschlossenheit oder Beharrlichkeit beseitigen, in Würde auf unserem Land zu leben. Wenn es kein Kriegsverbrechen ist, Menschen in ein Haus zu treiben um es dann zu bombardieren, oder Phosphorbomben und -geschosse einzusetzen - was dann? Gegen wie viele weitere internationale Verträge und Konventionen muß Israel verstoßen, bevor es zur Verantwortung gezogen wird? Es gibt heute in der Welt keine Hauptstadt, in der freie und anständige Menschen nicht über diese brutale Unterdrückung empört sind. Weder Palästina noch die Welt werden nach diesen Verbrechen dieselben sein.

Es gibt nur einen Weg nach vorne und keinen anderen. Unsere Bedingung für einen neuen Waffenstillstand ist klar und einfach. Israel muß seinen kriminellen Krieg und das Gemetzel an unserem Volk beenden, die illegale Blockade des Gazastreifens vollständig und bedingungslos aufheben, all unsere Grenzübergänge öffnen und sich vollständig aus Gaza zurückziehen. Danach werden wir über weitere Schrittte nachdenken. Die Palästinenser sind ein Volk, das für die Befreiung von Besatzung und die Gründung eines unabhängigen Staates mit Jerusalem als Hauptstadt sowie die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Dörfer kämpft, aus denen sie vertrieben wurden. Was auch immer der Preis ist - die Fortsetzung von Israels Massakern wird weder unseren Willen brechen noch unsere Hoffnung auf Freiheit und Unabhängigkeit.

Ismael Haniyeh ist der Premierminister der palästinensischen Regierung in Gaza
The Independant
15. Januar 2009.

Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von Hergen Matussik, einem Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt (16.01.2009):
http://www.0815-info.de/News-file-article-sid-10452.html

Quelle (15.01.2009):
http://www.independent.co.uk/opinion/commentators/ismail-haniyeh-my-message-to-the-west-ndash-israel-must-stop-the-slaughter-1366726.html